Böhmen. Man suche das schöne Land nicht im Atlas, sondern im Herzen.

 

Als unsere Reiseziele fast noch vom heimischen Kirchturm aus zu überschauen, blieben dem Eisenbahnfreund, wollte er das kleine Land einmal verlassen, nicht allzu viele Möglichkeiten. Entdeckungsfahrten zur Zahnradbahn Tannwald – Harrachsdorf im Isergebirge beispielsweise boten dennoch den Charme vergangener Zeiten, hatten doch die Steilstrecken bei uns in Thüringen schon seit Jahrzehnten ihre Zahnstange verloren. Und wo noch – außer im damals schwer erreichbaren Ungarn – ließen sich „Westloks“ bestaunen? Der ungemein urige Sound der SGP-Zahnradloks, deren vier Exemplare bei den ČSD als Gattung T 426 eingereiht worden waren, begeisterte schon beim ersten Besuch. Die Eisenbahner an der Strecke hingegen konnten unserer Passion nicht allzu viel abgewinnen, erschweren doch vor allem Eis und Schnee den Bahnbetrieb in diesem Gebirgstal erheblich. Aber überaus freundlich waren sie zu uns „Verrückten“, auch ein Halt passend vor dem Stationsgebäude Unterpolaun wurde schon mal eingelegt. Auf der Abt´schen Zahnstange balancierend, ließ sich bei den damals anhaltend guten Schneebedingungen die Strecke dann auch am besten abwandern. Und: Ein eigenartiges Gefühl, von Stein zu Stein in der Iser unterhalb des bekannten Viaduktes zu hüpfen; befand man sich doch hier an der früheren schlesischen Grenze zwischen dem Deutschen Reich und Österreich-Ungarn, späterhin der 1. Tschecho-Slowakischen Republik – das Reich des „Rübezahl“. Im gemeinsamen Grenzbahnhof Polaun (Grünthal) trafen die elektrifizierte deutsche Strecke von Hirschberg her und die Tannwalder Zahnradbahn zusammen. Den Namen des Berggeistes erbten auch die hier ab 1927 eingesetzten markanten elektrischen Triebwagen ET 89. Ein stattliches Empfangsgebäude und großzügige Bw-Anlagen unterstrichen die seinerzeitige Bedeutung von Polaun.

 

Böhmen interessierte mich schon immer; ein Herrschaftsgebiet, dessen Machtsphäre unter dem genialen Ottokar II. aus dem Geschlecht der Přemysliden von der Ostsee bis zur Adria reichte! Karl IV gründete 1348 immerhin die erste deutsche Universität in: Prag. Ausgangs des Mittelalters das mächtigste deutsche Fürstentum; Mittelpunkt des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation; ursächlicher Zankapfel zwischen Friedrich II. und Maria Theresia. Die größte Katastrophe der alten Welt nahm ihren Ausgangspunkt mit der Landung kaiserlicher Beamter in einem Misthaufen unterhalb des Hradschins. 1648 hatte ein Drittel der europäischen Bevölkerung das erbarmungslose Morden, ob gut katholisch oder reformiert, nicht überlebt. Bismarck wird der Ausspruch nachgesagt, wer es beherrsche, der sei der Herr Europas. Nach dem Fall des eisernen Vorhanges wurde das Land im Herzen Europas zum „Terra Incognita“. Bis heute spricht man von „böhmischen Dörfern“, meint man damit etwas, das hinter dem Mond und damit außerhalb der normalen Vorstellungskraft zu liegen scheint. Die große, weite Welt besteht für viele in unserem Land aus Rom – Paris - New York, inclusive Mallorca. Und Prag?

 

Den Lokal- und Schmalspurbahnen allerorten galt stets meine Liebe – deshalb auch immer wieder Ausflüge ins Böhmische. Eine meiner Lieblingsstellen findet sich oberhalb der alten Bergstadt Platten. Der Ort gehörte früher zur Herrschaft Schwarzenberg, die Herzog Albrecht von Sachsen als böhmisches Lehen erhielt, jedoch an die Herren von Tettau verkaufte. Keimzelle sächsisch-böhmisch-fränkischer Bande? Als man Zinn- und Eisenerze entdeckte, kauften die Sachsen 1532 Platten klugerweise zurück – die Siedlung erneut begründet und deutsche Bergleute aus Schneeberg herbeigerufen. 1534/35 erhielt Platten eine kurfürstlich-sächsische Bergordnung samt Privilegien. Als Gegenleistung für die Vergabe der Kurwürde nach dem Schmalkaldischen Krieg traten die sächsischen Wettiner im Prager Vertrag (1556) Platten und Gottesgab endgültig an die Habsburger ab. Noch einmal rückte Platten ins Licht europäischer Schauplätze: Religiöser Dogmatismus vertrieb die ansässigen evangelisch gewordenen Bergleute während der Gegenreformation, sie gründeten gleich hinter der Grenze Johanngeorgenstadt. Häufig endet ja Nationalismus in Pyrrhussiegen.   

 

Meine verkehrsgeschichtlichen Forschungen begannen vor Jahren auch mit den Eisenbahngrenzübergängen im mittleren Erzgebirge, wo auf wenigen Kilometern Luftlinie immerhin vier bestanden und weitere, auch schmalspurig geplant waren. Fast alle der über den Erzgebirgskamm führenden Eisenbahnen dienten vordergründig den Kohlentransporten, waren doch die Lagerstätten in Mitteldeutschland noch nicht erschlossen oder unbekannt. So trugen böhmische Braun- und Steinkohlen in herausragender Weise zum Aufblühen der sächsischen Wirtschaft bei. Heute nicht mehr vorstellbar: Über 50 Prozent des Güteraufkommens der Kgl. Sächsischen Staatseisenbahnen (resp.  1/3 aller Einnahmen) entfielen auf den Transport des schwarzen Goldes. Andererseits gründeten sächsische Industrielle oftmals Filialbetriebe ihrer Unternehmen im Böhmischen – oder umgekehrt. So konnten einfach und praktikabel Steuern gespart werden. Und initiierten bzw. förderten jeweils dort den Bahnbau.

Der 13. Januar 1984 rückte dann jedoch die Geschichte der erzgebirgischen Schmalspurbahn Wolkenstein – Jöhstadt vordergründig in mein Blickfeld, ehe ich auf den Spuren einer kleinen, feinen, längst vergessenen Lokalbahn (deren zierliche Loks ihren mächtigen Kobelschornstein bis ins sächsische Adorf trugen) wieder intensiv nach Böhmen zurück kam.

 

Dem Vergessen entreißen. Denn auch bahngeschichtlich verfügten die alte Habsburgermonarchie und Sachsen nicht nur über eine gemeinsame Grenze, sondern auch über vielfältige, gegenseitige Wurzeln – bis hin zum Sprachschatz („Heizhaus“) oder Baustil der Anlagen. Ein schönes Beispiel für ein fast noch original erhaltenes, typisches österreichisches Langhaus in einem Bahnbetriebswerk fand sich in (Annaberg-) Buchholz. Leider nagt der Zahn der Zeit unaufhaltsam, vor allem, seit die neue Bahn das alte Heizhaus überflüssig machte.

 

 

   

Wintermärchen im Kaiserwald nahe Teplá (Tepl); Strecke Karlsbad - Marienbad